Vor Šolta zählt jede Minute an Deck

Vor der kroatischen Insel Šolta suchen Einsatzkräfte seit Tagen nach einem 46-jährigen österreichischen Schiffsführer, der von Bord ins Meer gestürzt sein soll. Der Fall rückt eine unbequeme Wahrheit in den Mittelpunkt: Der kritischste Teil der Sicherheitsarbeit beginnt nicht erst mit dem Alarmruf, sondern vor dem ersten Ablegemanöver. Gerade im kroatischen Revier treffen dichter Sommerverkehr, Badebuchten, enge Hafenmanöver und häufig wechselnde Besatzungen aufeinander.

Wer ein Charterboot übernimmt, erhält meist eine technische Einweisung zu Maschine, Elektrik und Leinenführung. Für den Ernstfall bleibt dabei oft wenig Zeit. Genau dort liegt das Problem, denn ein Mann-über-Bord-Ereignis entwickelt sich in Minuten zu einer Suchlage, besonders bei Wind, Welle oder nachlassendem Licht.

Warum das Risiko schon im Hafen beginnt

Stürze über Bord entstehen selten nur auf offener See. Auch beim Ablegen, Ankern oder beim Gang aufs Vorschiff steigt das Risiko, weil Aufmerksamkeit, Aufgabenverteilung und Bewegungen an Deck gleichzeitig zunehmen. Alkohol, nasse Decks, lose Leinen und fehlende Routinen verschärfen die Lage.

Im Charterbetrieb kommen weitere Faktoren hinzu. Besatzungen kennen sich oft erst seit wenigen Stunden, Rollen sind noch ungeklärt und die Handgriffe des jeweiligen Bootes wirken ungewohnt. Wer dann nachts in der Bucht den Fender versetzt oder bei Fahrt nach vorne geht, bewegt sich bereits in einer Phase erhöhter Unsicherheit.

Welche Abläufe vor dem Ablegen feststehen müssen

Eine Sicherheitsroutine vor dem Start braucht keine lange Schulung, aber klare Zuständigkeiten. Das Schiff muss festlegen, wer beim Alarm auf die verunglückte Person zeigt, wer den Rettungsring wirft, wer den Antrieb kontrolliert und wer den Notruf vorbereitet. Ohne diese Reihenfolge verliert die Besatzung oft wertvolle Sekunden.

Ebenso wichtig ist die kurze Einweisung in die Ausrüstung. Dazu gehören die Position von Rettungswesten, Lifebelts, Bergeschlaufe, Badeleiter und Seenotsignalen sowie die Mann-über-Bord-Taste am Kartenplotter, also am elektronischen Seekartengerät. Wenn jedes Mitglied diese Punkte einmal real gesehen hat, sinkt die Hemmschwelle im Notfall deutlich.

  • Rollen für Ausguck, Rettungsmittel, Navigation und Funk vor dem Ablegen benennen
  • Rettungskragen, Leinen und Bergemittel sichtbar bereitlegen
  • Mann-über-Bord-Funktion am Kartenplotter und Funkgerät kurz zeigen
  • Regel festlegen: Niemand geht ohne Meldung allein aufs Vorschiff oder ans Heck
  • Bei Nacht, Starkwind oder rauer See Sicherungsleinen früh anlegen

Warum Sichtkontakt mehr wert ist als hektische Manöver

Fällt ein Mensch ins Wasser, entscheidet zuerst der Blickkontakt. Eine Person an Bord muss ohne Unterbrechung zeigen und melden, wo sich der Verunglückte befindet. Diese Aufgabe wirkt simpel, bricht in der Realität aber schnell zusammen, weil die Besatzung gleichzeitig Maschine, Segel, Funk und Wendemanöver organisiert.

Hinzu kommt die Geschwindigkeit der Drift. Schon mäßiger Wind und Welle erschweren das Wiederfinden erheblich, erst recht zwischen Inseln, bei Gegenlicht oder einsetzender Dämmerung. Wer die Position nur ungefähr erinnert, sucht innerhalb kurzer Zeit in einem deutlich größeren Bereich.

Technik hilft nur, wenn die Besatzung sie vorher beherrscht

Elektronische Hilfsmittel verbessern die Chancen, ersetzen aber keine Vorbereitung. Die Mann-über-Bord-Markierung im Navigationssystem speichert eine Position, doch die Besatzung muss wissen, auf welchem Gerät die Funktion liegt und wie der Rückweg dorthin angezeigt wird. Gleiches gilt für den UKW-Funk: Der Not-, Dringlichkeits- oder Sicherheitsruf nützt nur, wenn Kanal, Gerät und Sprechablauf bekannt sind.

Auch automatische Rettungswesten schaffen Sicherheit nur bei richtiger Nutzung. Lose getragen, falsch eingestellt oder unter Deck verstaut verlieren sie ihren Zweck. Wer vor dem Auslaufen prüft, ob Westen passen, Licht und Pfeife vorhanden sind und die Crew weiß, wie die Weste geschlossen wird, stärkt die Handlungsfähigkeit der ganzen Besatzung.

Der Fall Šolta zeigt die harte Realität des Reviers

Die laufende Suche vor Šolta verweist auf ein Gebiet, das touristisch erschlossen und zugleich anspruchsvoll ist. Zwischen Split, Brač, Hvar und Šolta verkehren im Sommer Fähren, Ausflugsschiffe, Sportboote und Charteryachten auf engem Raum. Wenn dort ein Mensch über Bord geht, müssen Küstenwache, Polizei und weitere Rettungseinheiten ein Suchfeld abarbeiten, das mit jeder Stunde größer wird.

Gerade deshalb gehört die Sicherheitsbesprechung vor dem Ablegen nicht an das Ende der Übergabe, sondern an den Anfang des Bordalltags. Ein kurzer, klarer Ablauf an Deck erzeugt Ordnung in dem Moment, in dem See, Verkehr und Stress jede Ordnung auflösen.

Vor Šolta läuft eine Suche, deren Ausgang offen ist. Für die nächste Ausfahrt in kroatischen Gewässern steht damit eine nüchterne Priorität fest: Der erste sichere Handgriff beginnt noch an der Pier.


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